Regierungsbunker schützte Alt-Nazi

Der Sicherheitschef im Regierungsbunker der jungen Bundesrepublik war ein ehemaliges SS-Mitglied und Kriegsverbrecher, Theo Saevecke. Neue Recherchen im Koblenzer Bundesarchiv lassen den Blick auf eine ungewöhnliche Biografie zu.

 

Es ist sicherlich eine der ungewöhnlichsten Biografien, die ein Mensch in den vergangenen 100 Jahren schreiben konnte: Ein Kriminalbeamter, der 1938 die erste Verbrechensfahndung im Fernsehen mitinitiiert, der Mitglied von SA, NSDAP, SS, SD und Gestapo ist, wird später Sicherheitschef im Regierungsbunker der jungen Bundesrepublik Deutschland: Theo Saevecke. Jetzt erstmals im Bundesarchiv Koblenz ausgewertete Akten des Bundesministerium des Innern (BMI) belegen: Mindestens zwei Mitarbeiter in der Leitung des Referates Sicherheit des Regierungsbunkers waren während der NS-Zeit aktiv in SS, SD, Gestapo bzw. Geheimer Feldpolizei an Kriegsverbrechen beteiligt und wurden durch das Ministerium gedeckt – ein bislang völlig unbekanntes Kapitel um das “Staatsgeheimnis Nummer eins”.

 

Als Gestapo-Chef im italienischen Mailand lässt Saevecke als Abschreckung öffentlich Geiseln erschießen, um einen Anschlag auf deutsche Soldaten zu sühnen. Kurz vor Kriegsende schickt er noch Hunderte italienische Juden ins Gas von Auschwitz. Es folgt die Kriegsgefangenschaft, der sich zuerst die Mitarbeit für den US-Geheimdienst CIA anschließt, dann die für das Bundeskriminalamt. Er ist eng dran an den Bundesinnenministern Schröder und Höcherl, an Verteidigungsminister Strauß und mitten drin in der “Spiegel”-Affäre. Doch in der bislang bekannten Biografie des Theo Saevecke steht für die letzten Berufsjahre ein großes Fragezeichen. Bis jetzt.

 

Was folgt, ist nicht weniger spektakulär. Saevecke ist für die Sicherheit in einem hochsensiblen Bereich der Bundesregierung verantwortlich. Von 1964 bis 1971 ist er im Auftrag des Bundeskriminalamtes Sicherheitschef im Regierungsbunker, Deutschlands Staatsgeheimnis Nummer eins. Eine Ideallösung, um den umtriebigen Kriminalisten aus allen Schusslinien öffentlicher Kritik zu ziehen, denn den Bunker gibt es offiziell nicht – und damit auch keinen Theo Saevecke. Gut versteckt auf einer “schutzbedürftigen Baustelle” des Bundes mit hohen Sicherheitsauflagen, die von Staats wegen durch niemanden hinterfragt werden dürfen, verschwindet Saevecke im Ahrtal hinter einem – nun – braunen Bretterzaun.

Er habe “bei fast allen Einsätzen an vorderster Linie im Kampf gestanden”, wird ein Vorgesetzter zu Kriegsende über Theo Saevecke sagen, dessen Biografie in den Jahren 1939 bis 1945 um diverse Kriegsverbrechen bereichert wird. Doch mit der Kriegsgefangenschaft im April 1945 wird die Vita Saevecke zur wahren Wundertüte. Die CIA beschließt, seine Talente und Fähigkeiten zu nutzen, und nimmt ihn in ihren Reihen auf. Das allerdings ist dem Bundesinnenministerium bei der Einstellung Saeveckes im gerade gegründeten Bundeskriminalamt 1952 nicht bekannt. Auf Nachfrage des Ministeriums zu seiner Vergangenheit verschleiert Saevecke die Jahre 1948 bis 1952 und gibt an: “Bediensteter der Neukölln-Mittenwalder Bahn” bzw. “arbeitslos”.

 

Das Bundeskriminalamt selbst bietet Sicherheit mit Blick auf Saeveckes NS-Lebenslauf: Fast alle leitenden BKA-Beamten (1959 sind es 45 von 47) haben eine nationalsozialistische Vergangenheit, “ungefähr die Hälfte, darunter auch Saevecke, seien als NS-Verbrecher im kriminologischen Sinne zu betrachten”, stellt Dieter Schenk fest, der als ehemaliger leitender BKA-Beamter die braunen Wurzeln des BKA in seinem Buch “Auf dem rechten Auge blind” untersuchte. In kürzester Zeit nimmt die BKA-Karriere Saeveckes Fahrt auf. Nach mehreren Beförderungen ist er 1956 Regierungskriminalrat – und wird zum Leiter des Referats Hoch- und Landesverrat bestellt.

 

Saeveckes Karriere ist blitzsauber und läuft störungsfrei – bis zum Oktober 1962. Er ist inzwischen stellvertretender Leiter der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes. Weil sein Vorgesetzter im Ausland weilt, kommt ihm die Führungsrolle bei der polizeilichen Besetzung der “Spiegel”-Redaktion in Hamburg zu.

 

Doch die “Spiegel”-Affäre hat Folgen für Theo Saevecke. Denn so wie Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und sein Staatssekretär Volkmar Hopf in die Schusslinie geraten, steht auch Saevecke im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik und wird aus dieser mit einer Abversetzung im BKA von Bonn nach Wiesbaden geholt. Zwar stellt sich Bundesinnenminister Hermann Höcherl öffentlich vor Saevecke, an neuen Untersuchungen kommt er aber nicht vorbei. An deren Ende wird Saevecke des Dienstes enthoben.

 

Am 17. Januar 1964 legt Minister Höcherl in einem internen Schreiben fest: “Die Beamten, die der Gestapo angehört und dort Dienst getan haben, sollen an andere Dienststellen, bei denen ihnen keine Vollzugsaufgaben obliegen, verteilt werden.” Diese Weisung des Ministers zählt zum Inhalt eines brisanten BMI-Aktenbestandes, der jetzt erstmals im Bundesarchiv ausgewertet wurde. Für Theo Saevecke geht es nach Marienthal in den Regierungsbunker.

 

Hier ist er verantwortlich für die Sicherheitsüberprüfungen der Bauarbeiter und künftiger Bunkermitarbeiter, die Abschirmung dieser Baustelle gegenüber feindlicher Spionage, die Aufklärung von Straftaten, die als Sicherheitsrisiko für das Staatsgeheimnis eingestuft werden. An der Seite von Dienststellenleiter Ernst Walker leitet Theo Saevecke die Geschicke im Schattenreich der Bundesregierung. Er nimmt an allen relevanten Sitzungen der Dienststelle teil.

 

Zu seinen Aufgaben zählen auch die Vorbereitungen, Durchführung und Auswertung (Sicherheit) der Nato-Übungen Fallex, die ab Oktober 1966 im Bunker stattfinden. Damit marschiert die einstige NS-Größe auf einem Flur mit Politgrößen wie Kanzler Ludwig Erhardt oder dem künftigen Kanzler Helmut Schmidt. Berührungsängste gibt es hier, in der streng von der Außenwelt abgeschirmten Bonner Unterwelt, offensichtlich nicht. Im Gegenteil, Saeveckes Erkenntnisse und Hinweise zu Mängeln und Verbesserungen der Sicherheit im Bunker haben durchaus Auswirkungen auf das künftige Erscheinungsbild der Anlage wie auch auf den Ablauf künftiger Nato-Kriegsübungen.

 

Bis zu seinem Ausscheiden 1971 nimmt Saevecke an drei Übungen im Bunker teil. Sieben Jahre ist er Sicherheitsbeauftragter. Mit seiner Pensionierung zieht er ins Norddeutsche um und taucht unauffällig und unbekannt in ländlicher Umgebung unter.

Doch völlig überraschend leitet die italienische Staatsanwaltschaft 1997 erneut Untersuchungen gegen den inzwischen 88-Jährigen ein. Im Sommer 1999 wird er wegen der Erschießungen in Mailand in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt, doch weder an italienische Behörden überstellt, noch tritt er die Strafe an. Theo Saevecke stirbt als freier Mann im Jahr 2000.

 

Für die “Dokumentationsstätte Regierungsbunker” ist das braune Bunkerkapitel des Bundes ein Teil der Aufarbeitung um diesen Ort, an dem am 9. November 1959 – und damit vor einem halben Jahrhundert – der Bunkerbau begann.

 

Jörg Diester/Michaela Karle

Rhein-Zeitung, Gesamtausgabe, 21./22. November 2009

Festungsbunker schützte 10.000 Menschen

Koblenz 1941: Die damalige Gauhauptstadt ist noch weitgehend unversehrt. Abgesehen von den vereinzelten Angriffen im Juni des Vorjahres – sie trafen zum Beispiel den Kemperhof – scheint der Bombenkrieg noch in weiter Ferne zu sein. Doch dieser Eindruck täuscht. Bereits 1937 war der erste neue Bunker gebaut werden. Weitere sollten folgen.

 

Eine Karte in Wolfgang Gückelhorns Buch über die Koblenzer Bunker zeigt insgesamt 28 größere Anlagen. Dazu kommen zahlreiche Keller, die zu provisorischen Luftschutzräumen umgebaut waren. Grundlage des Programms, das Stadtvorstand und Rat immer wieder beschäftigte, war ein sogenannter „Führerbefehl“ vom 10. Oktober 1940, in dem es eben nicht nur um den Schutz der Industrie, sondern eben auch um das Leben der Zivilbevölkerung ging. Für den Koblenzer Historiker Dr. Helmut Schnatz ist diese Anordnung ein bemerkenswertes und frühes Eingeständnis Hitlers, dass der Krieg Deutschland doch härter treffen würde, als in der Propaganda immer wieder verkündet. Wie dem auch sei: In Koblenz waren die Vorbereitungen besonders intensiv, sodass es am Ende für die rund 90 000 Koblenzer Schutzräume gab. Allerdings konnten nur 7500 Bürger bomben- und gassicher geschützt werden. Für den Großteil der Koblenzer gab es lediglich einen Schutz vor Trümmern. Wie das grundlegende Buch von Wolfgang Gückelhorn zeigt, sind die Anlagen in den Quellen sehr gut dokumentiert.

 

Eine Ausnahme ist der Bunker unter der Festung Ehrenbreitstein – genauer gesagt unter dem Abschnitt Helfenstein. Obwohl es sich um den mit Abstand größten Koblenzer Bunker handelt, fließen die Quellen spärlich. Was bislang bekannt ist, haben Erich Engelke und Petra Weiß für Burgen, Schlösser, Altertümer unter dem Dach der Generaldirektion Kulturelles Erbe zusammengetragen. Die Koblenzer Historiker haben nicht nur schriftliche Quellen ausgewertet, sondern auch mit Zeitzeugen gesprochen, die das Leben im Bunker aus eigener Anschauung kennen. Dennoch kann die entscheidende Frage nach den Erbauern der Anlage nicht eindeutig beantwortet werden. Sicher ist nur, dass der Bau von der Organisation Todt geplant und überwacht wurde. Die uniformierte Bautruppe stellte auch die Ingenieure. Wer jedoch die Knochenarbeit leistete, ist bis heute unklar. Zwar werden immer wieder Arbeiter aus der Umgebung genannt, doch angesichts der Dimensionen der von 1941 bis 1943 erbauten Anlage wird klar, dass der Bedarf an Arbeitskräften enorm war. Deswegen kann nicht ausgeschlossen werden, dass Zwangsarbeiter oder sogar Gefangene aus Konzentrationslagern beim Vortrieb eingesetzt wurden.

 

Ausgelegt war der Festungsbunker für 3000 Menschen. Obwohl die Anlage nie ganz fertiggestellt wurde, konnten aber bis zu 10 000 Personen Zuflucht finden. Diese stammten entweder aus Ehrenbreitstein selbst oder waren Reisende, die nach einer Angriffswarnung schnell vom Bahnhof in den Stollen gelangen konnten. Auf jeden Fall war die Anlage für die alte Residenzstadt unverzichtbar. Abgesehen von einem Bunker im Bereich der Brentanostraße gab es für die Dähler sonst keinen wirksamen Schutz. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum viele Bürger oft tagelang in den Festungsstollen ausharrten, die sie mit ihrem eigenen Mobiliar ausstatteten.

 

Daten & Fakten

 

1938:Die nach ihrem Führer Fritz Todt benannte Organisation Todt wird gegründet. Sie ist eine militärisch organisierte und uniformierte Bautruppe, die vor allem in den besetzten Gebieten bei der Realisierung von Schutz- und Rüstungsprojekten eingesetzt wird.

1940: Adolf Hitler ordnet in einem Führerbefehl am 10. Oktober an, bombensichere öffentliche Luftschutzräume zu bauen und bereits vorhandene Räume zu verstärken. Koblenz gehört zu den 81 Luftschutzräumen erster Ordnung. In der damaligen Gauhauptstadt werden schließlich sechs Tiefbunker, drei Hochbunker und fünf gemischte Bunker gebaut. Darüber hinaus entstehen im gesamten Stadtgebiet weitere Schutzvorrichtungen.

1941: Die Arbeiten am Bunker unter der Festung Ehrenbreitstein – genauer gesagt unter dem Abschnitt Helfenstein – beginnen. Obwohl die Anlage nie komplett fertiggestellt wird, kann sie bis zu 10 000 Menschen aufnehmen.

 

Quellen: Wolfgang Gückelhorn, Die Koblenzer Luftschutzbunker, Aachen 2008. Helmut Schnatz, Der Luftkrieg im Raum Koblenz 1944/1945, Boppard 1981.

 

Neues Thema für die Denkmalpflege

 

Sie sind stumme Zeugen der Zeitgeschichte: Dennoch werden Bunkeranlagen vernachlässigt. Vielerorts sind sie sogar vom Untergang bedroht. Dass die Generaldirektion Kulturelles Erbe jetzt den Blick auf die Monumente aus konfliktträchtigen und kriegerischen Zeiten lenkt, war lange überfällig.

 

Die Denkmalpflege hat zumindest die Anlagen aus Kriegszeiten für sich entdeckt. Die Öffnung von Teilen des Festungsbunkers für ein breiteres Publikum ist deshalb nur konsequent, zumal sie in einem historischen Kontext stehen, der ganz Europa betrifft. Die Debatte darüber dürfte zur Rettung manch umstrittener Anlage beitragen. Schwieriger wird es bei den Relikten des Kalten Krieges.

 

Gerade das Beispiel des früheren Regierungsbunkers in Ahrweiler hat gezeigt, wie sehr diese Bunker bedroht sind. Original erhalten geblieben ist nur ein kleiner Abschnitt. Das Beispiel zeigt: Die Denkmalpflege steht gerade bei den Zeugnissen der jüngsten Geschichte vor einem Dilemma. Denn es ist nicht eindeutig geklärt, ob es sich hier um Denkmäler oder nur um Objekte für die politische Bildung handelt.

 

Reinhard Kallenbach

 

RZ Koblenz und Region vom Donnerstag, 1. April 2010, Seite 25.

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